WoW: Sucht im Postfordismus, Arbeit im Spiel

So, ich hab es also tatsächlich getan. Ich hab mir wieder eine Gamecard gekauft. Tja, was soll ich sagen, nach kurzer Eingewöhnungszeit war es eigentlich so, als sei ich nie weg gewesen. Zum Glück noch der selbe Character, obwohl Blizzard nur sechs Monate lang das Überleben garantiert. Die selben netten Leute, nur jetzt halt mit ihren Twinks und mit Sprachchat. Letzteres macht natürlich schon ein ganz neues Spielgefühl aus. Man kann sich schneller absprechen, wartet nicht mehr so ewig rum bis alle rumgetippert haben, was jetzt passieren soll. Ein echter Fortschritt (ja, ich weiß, Teamspeak gibts schon länger, hatte ich halt nur nicht). Was auch neu war: Ich hab jetzt einen Rechner, der die Hardwareanforderungen nicht nur gerade so erfüllt und somit die Grafik auch nur gerade so darstellen kann, sondern der fast auf Maximaldetail laufen kann. Das macht auch einen Riesenunterschied, gerade am Anfang, wenn man sich wieder umguckt und später beim Sightseeing (für mich ja eines der wichtigsten Momente bei dem Spiel). Der Wald von Elwyn aus der Vogelperspektive ist eben doch interessanter, wenn man mehr als nur die Baumwipfel sieht. Im eigentlichen Spiel macht es natürlich nicht so einen Unterschied.

Was auch gleich wieder so war wie immer, war der Stumpfsinn. Dieses Spiel hat einen enormen Stumpfsinnfaktor, dass muss man ehrlich sagen. Zwei Stunden durch die sengende Schlucht irren auf der Suche nach dämlichen 15 „Zuchtmeistern der Dunkeleisenzwerge“ (ja so heißen die wirklich 😎 ) nur um sie auf die immer gleiche Art und Weise in den ewigen Respawn zu schicken: Wie blöd ist denn das? Tja, irgendwas muss wohl dran sein, wenn ich so drauf abfahre und 10 Millionen Leute mit mir.

Was mich – neben Lafas ewigen Sticheleien – wieder angefixt hat war lustigerweise etwas, was genau diesen Stumpfsinn mir wieder bewußt gemacht hat: Ich hab letztens über zwei Stunden lang die Chaosradio-Express-Folge über WoW gehört. Dabei war überhaupt nix neues für mich dabei (auch wenn das sehr empfehlenswert ist für Leute, die mal wissen wollen was das überhaupt ist) und der Stumpfsinn wurde ausführlichst thematisiert. Von einem begeisterten Spieler übrigens, genauso wie ich das hier auch grad mache.

Was ist das also, was dieses Spiel so überaus populär macht? Meine – sicherlich nicht besonders originelle – These ist, dass es die ideale Droge für den Selbstverwertungskapitalismus (gerne auch Postfordismus genannt) ist. Zunächst einmal gilt es natürlich festzuhalten, dass die Sucht zum patriarchalen Kapitalismus gehört wie die Henne zum Ei. Das System der grenzenlosen Gier produziert grenzenlose Bedürfnisse und umgekehrt. Interessant finde ich aber wie sich diese Drogengewohnheiten anpassen an die Zeitläufte. Und World of Warcraft ist ganz gewiß eine Modedroge.

Früher stand man den ganzen Tag am Band oder saß den ganzen Tag im Büro und hat sich dann abends auf seinen sanft sedierenden Drogencocktail aus Bierchen und Zigarettchen gefreut. Das war angemessen. Es hat die Leistungsfähigkeit nicht wirklich beeinträchtigt und war genauso trist wie die Arbeit selbst. Heute freut man sich schon morgens auf den abendlichen Zock im Düsterwald, reißt deswegen seine Arbeit schnell und motiviert runter und lernt abends dann genau die Sachen, die man für seinen neuen prekären Job braucht:

  • Teamfähigkeit: Man muß die eigene Rolle im Team perfekt erfüllen, sonst wird das nix mit dem Bosskill.
  • Führungsqualitäten: Einen Raid betreuen ist wohl mindestens so anspruchsvoll wie eine mittelgroße Projektleitung.
  • Langeweile aushalten: Den Job machen, obwohl es nervt (siehe oben die „Zuchtmeister“).
  • Durchsetzungsfähigkeit (böse Zungen nennen es Skrupellosigkeit): Einen Looser oder Idioten braucht keiner im Team, also raus mit ihm. Das ist absolute Überlebensstrategie bei 90% Idioten in diesem Spiel (Ok, mein Server ist vielleicht besonders schlimm).
  • Meschenkenntnis: „Laden wir den jetzt in unsere Gruppe ein, obwohl er seinen Eisbären ‚Knut‘ genannt hat? Nein, natürlich nicht!“
  • Koordinationsfähigkeit: Den Überblick zu behalten im Schlachtgetümmel ist wirklich nicht einfach.
  • <insert your favorite skill here>

So gesehehen, kann ich das dann auch als Weiterbildung verbuchen, dass ich mit dem Rechner meines Auftraggebers spiele.

Ok, also wenn ihr nix mehr von mir hört, wisst ihr woran es liegt. Dann müsst ihr euch wohl auf Arygos einloggen und Nikephoros anwhispern (Ich würde mich natürlich freuen Blogleser auf diesem Wege zu treffen). So oder so weiß ich aber schon jetzt, dass ich die wirklich wichtigen Dinge nicht vernachlässigen werde. Nur wie ich das organisiere muss ich mal sehen, entweder wieder als Quartalssucht wie das letzte Mal oder ich finde einen Modus regelmässig aber nicht immer zu spielen. Vielleicht nutz ich ja auch das hier als Selbsthilfeblog. Bedarf dafür gibts bestimmt. Schon mein letztes Posting zu WoW wurde mittels der Suchanfrage „WoW Suchtberatung“ gefunden. Freut mich, wenn ich helfen konnte.

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10 Kommentare on “WoW: Sucht im Postfordismus, Arbeit im Spiel”

  1. Lafa sagt:

    Vielleicht ist spielen und darüber bloggen ja DIE Lösung. -Um das Schreiben nicht zu vernachlässigen und um die das Hin- und Hergerissensein zwischen beiden Welten therapeutisch zu verarbeiten. 😀
    Ich finde übrigens das Questen nicht ganz so langweilig, sondern eher meditativ. Ein Gelegenheit, mich an den tollen Skills, z. B. Dmg-Output meines Charakters zu ergötzen. (Nein, damit meine ich jetzt nicht meine Holy-Priesterin) Doof ist es allerdings, wenn man die Quests schon kennt.
    Und Leute, die ihren Begleiter „Knut“ nennen, sind vor allem dann verdächtig, wenn sie männliche Nachtelf-Jäger sind. Die weithin gefürchtete Kombination…. 😉

  2. Augenweide sagt:

    Na, dann werd ich mal auch nen selbstversuch starten, und den Suchtfaktor messen muessen 😉

  3. Benni sagt:

    Ohje, jetzt bin ich Dealer! Und krieg noch nich mal was dafür 😉

  4. […] bin ja gerade mal wieder etwas in World of Warcraft abgetaucht und verfolge die Diskussion hier deshalb zur Zeit etwas passiv. Aber einen Vorschlag von dort […]

  5. derdoktor sagt:

    Da crossposte ich hier doch auch mal fröhlich. Ich find es ja schon sehr angenehm, dass es Leute gibt, die sich ein paar Gedanken mehr über WoW machen, ohne gleich in plattes „Pöses Spiel“-Getue zu verfallen…. Deshalb setz ich auch mal einen Link zu meinem thematisch ähnlich gelagerten Artikel.

    http://mmoggames.wordpress.com/2008/03/11/patch-24-oder-warum-horkheimer-und-adorno-recht-hatten%e2%80%a6/

  6. derdoktor sagt:

    Achso, kleiner Nachtrag noch: Sehr abwechslungsreiche Seite, die Du hier hast! *gleich mal in die Blogroll aufnehm*

  7. Benni sagt:

    @Doktor: Danke für die Blumen! Mein erster Blogrolleintrag 🙂

    … nur leider komm ich momentan kaum zum bloggen, weil ich ja immer in den versunkenen Tempel muss 😉

  8. derdoktor sagt:

    Du willst aus dem Spiel doch nicht etwa arbeit machen? *ironisch grinsend die Stirn runzelt*

  9. Benni sagt:

    @Doktor: Hm… aber ja auch nicht aus dem bloggen! Es ist echt verhext, vor lauter nicht arbeiten kommt man zu garnix!

  10. […] von Benni am April 26, 2008 Seid ich hier mal etwas flappsig über World of Wacraft und Sucht geschrieben habe, kriege ich täglich Suchanfragen zu dem Thema. Ich hab da inzwischen ein bisschen ein […]


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