An ihrer Zitierweise sollt ihr sie erkennen

Ich bin ja wirklich aufgeschlossen gegenüber Gedanken, die in der Tradition von Marx (und im Notfall sogar Engels) stehen. Aber eines finde ich wirklich nervig: Noch der kritischste undogmatischste Marxistenkritiker zitiert seinen Marx immer brav via „MEW, Band X, Seite Y“. Nun erfüllt zitieren bekanntlich immer zwei Zwecke: Sie soll die Quelle nachvollziehbar machen. Das geschieht hier, kein Zweifel. Meiner Meinung nach gibt es aber noch einen anderen, sogar wichtigeren Zweck des Zitierens: Man soll grob die Herkunft und den Kontext des Zitates einschätzen können ohne nachschlagen zu müssen. Genau das wird hier aber komplett verfehlt. Wann wurde das geschrieben? Ist das ein Brief oder vielleicht eine theoretische Arbeit oder gar nur ein unveröffentlichtes Manuskript? Mit oder ohne Engels als Ko-Autor?

Sicher kriegt man nicht all diese Informationen in einen kurzen Zitatverweis gepackt aber es sollte doch zumindestens der Titel des Werks und das Jahr seiner Erstellung möglich sein. Das würde dem Halbgebildeten wie mir doch schon einiges erklären.  Alles andere ist Dünkel.

Soviel zum pragmatischen. Aber ich denke sogar dass sich an dieser zitierweise der alte dogmatische Marxistenmuff noch immer zeigt. Weil es nämlich eine monolithische Werksicht zeigt. Hauptsache MEW, der Rest ist egal.

Eine ähnliche Unsitte in wissenschaftlichen Publikationen ist es auf das Jahr der verwendeten Ausgabe zu verweisen aber nicht auf das Jahr der Ersterscheinung. Das führt dann so bizarren Dingen wie „(Goethe, 2004)“. Das ist beim Lesen nicht nachvollziehbar. Man muß erst wühlen: Ein simpler und wirksamer Abschottungsmechanismus. Nur wer tief im Gebiet drin steckt kann mit diesen Angaben dann noch was anfangen. Natürlich sollte man das Jahr der verwendeten Ausgabe trotzdem angeben, aber im Literaturverzeichnis und nicht im Text selbst.

Aber wahrscheinlich wird sich beides nie ändern. Nichts ist so nachhaltig unveränderbar an einer Wissenschaft wie ihre Zitierweise. Das übersteht alle Paradigmenwechsel, weil es ja genau diese Kleinigkeiten sind mit denen sich die jungen Wissenschaftlern bei den alten Platzhirschen als ernst zu nehmen ausweisen müssen um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Nur eine durchgängige Digitalisierung des wissenschaftlichen Veröffentlichungswesens könnte daran etwas ändern. So eine Errungenschaft wie Trackbacks, in der Blogosphäre selbstverständlich, müsste doch für Wissenschaftler das Himmelreich auf Erden sein. Man kann dann nicht mehr nur nachvollziehen wie die Vorgänger gearbeitet haben, sondern auch die späteren. Heute zu versuchen nachzuvollziehen ob eine in den 80er Jahren erschienene Arbeit noch aktuell ist, ist fast unmöglich.

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10 Kommentare on “An ihrer Zitierweise sollt ihr sie erkennen”

  1. Annette sagt:

    Hallo,

    tja, die von Dir kritisierte Zitierweise ist teilweise die sog. „amerikanische“, und ich hab sie mir seit einigen Jahren auch angewöhnt.
    (also: [Autor Jahr:Seite) und Angabe der Literatur im Literaturverzeichnis).

    Der Vorteil ist: Man kann sehr schnell vermerken, von wem und wo was herstammt, man braucht nicht ewig in den Fuß- und Endnoten suchen (vor allem, wenn da immer steht „a.a.O“ – da muss man dann zig Seiten zurückblättern, wo denn der „angegebene Ort“ vielleicht zum ersten Mal angegeben worden war. (Für jede deutsche Veröffentlichung, die diese aus meiner Sicht altmodische Fußnotenzitierung mit „a.a.O“ verlangt, brauche ich jeweils noch mal 2 Stunden, um den Text druckfertig zu machen. Jede Änderung (Einschieben, Verrücken eines Zitats) verlangt dann meist wieder eine Korrektur, weil man schauen muss, ob das nun verwendete Werk schon mal angegeben wurde vorher oder nicht…).

    Ich selbst habe wegen dem Problem mit dem Originaljahr (damit da nicht steht Goethe 2004) oft versucht, das Originaljahr und das Ausgabejahr beides anzugeben (Marx 1872/1989: xxx), aber das ist irgendwie auch blöd.

    Für Marx mache ich das oft auch, dass ich nicht MEW angebe, sondern Marx (1872: xxx) und dann hinten in der Literaturangabe stehen habe: Marx 1872:
    bla bla… In: Marx, Engels Werke Band 18, S. xxx.

    Ist aber auch eher umständlich und für Leute, die nicht wissen, wann Marx was geschrieben hat,auch nicht sofort erschließbar.

    Bei der Zitierung der MEW sehe ich nicht so viele Probleme. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich sie im Bücherregal stehen habe und bei vielem längst auswendig weiß, was wo steht.

    Auf jeden Fall würde ich an die Zitierweise keine solche Einschätzungen binden, wie Du das machst mit der Zuordnung von „dogmatischem Marxistenmuff“ und „monolothischer Werksicht“.
    Schreib erst mal ein paar hundert Seiten und fitz Dich da mit den verschiedenen Methoden durch. Mal sehen, zu welchem Kompromiss Du dann kommst.

    Ich persönlich möchte an der konkreten Art und Weise, wie ich mit Zitaten umgehe, eingeschätzt werden und nicht nach der Wahl des formalen Zitiersystems, wofür und wogegen es immer verschiedene Argumente gibt, die nichts mit Dogmatik und Monolithik zu tun haben.

    Ahoi Annette

  2. Benni sagt:

    Ja, die „amerikanische“ ist sicherlich besser als die „deutsche“, da hast Du Recht. Wenn irgendwo im Text steht, ob das aus den Grundrissen oder dem Kapital ist, hab ich auch nix gegen MEW. Bei Dir ist das meist so, aber eben nicht bei allen.

    Natürlich will ich nicht nur wegen so einer – letzten Endes ja doch nur – Kleinigkeit irgendwen runtermachen, das war vielleicht etwas zu provokativ formuliert. Aber ganz unabhängig voneinander ist eine gewisse Elfenbeinturm-Mentalität und eine in dieser Weise geschlossene Zitierweise oft nicht.

    Was ich nicht ganz verstehe: Warum ist das Jahr der Ausgabe so wichtig? Klar, im Literaturverzeichnis muss das stehen, damit man nicht auf der falschen Seite landet. Aber im Text verwirrt das doch nur. Ist das bloß historisch gewachsen oder gibt es dafür auch irgendwelche innerwissenschaftlichen Gründe die ich nicht kenne als Außenseiter?

  3. Thomas sagt:

    Was ich nicht ganz verstehe: Warum ist das Jahr der Ausgabe so wichtig?

    Geheime innerwissenschaftliche Gründe natürlich nicht, es ist halt nur so, dass in unterschiedlichen Ausgaben Unterschiedliches stehen kann. Zudem: Wann was zum ersten Mal herausgegeben wurde muss ja auch nicht mit dem Jahr(zehnt/hundert) zusammenfallen, in dem es geschrieben ist.

  4. Benni sagt:

    @Thomas: Deswegen schrieb ich ja auch im nächsten Satz:

    „Klar, im Literaturverzeichnis muss das stehen, damit man nicht auf der falschen Seite landet. Aber im Text verwirrt das doch nur.“

    … immer noch nicht klüger.

  5. Thomas sagt:

    Was ich meinte war dass das Jahr der Erstausgabe nicht unbedingt mehr ueber ein Buch aussagt als das Jahr der jeweils zitierten Ausgabe. Das kann so sein und dann kann man es wie Annette dazuschreiben.

  6. Benni sagt:

    @Thomas: Äh ja. Man findet sicherlich bei jeder zitierweise Einzelfälle wo die mal Probleme macht. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn 90% halbwegs sinnvoll wären.

  7. […] Ach ja: Die Literaturangabe »MEW 23« in der Kolumne ist das Werk »Das Kapital« von Karl Marx — damit Benni nicht schimpft […]

  8. feliksdzerzhinsky sagt:

    Vielen Dank! Auch wir haben das Verfahren hier mal übersichtlich dargestellt:
    Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens
    und dort auch Ihren Beitrag am Ende erwähnt.

  9. […] An ihrer Zitierweise sollt ihr sie erkennen […]


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