Es geht nicht um „Populismus“

Im Versuch den aktuellen weltweiten Rechtsruck zu verstehen wird sehr häufig auf den Begriff des „Populismus“ zurückgegriffen um dann z.B. darüber zu schwadronieren ob wir jetzt auch einen Linkspopulismus gegen den Rechtspopulismus brauchen oder wie schlimm das Internet ist, dass es so etwas möglich macht.

Ein paar Punkte dazu:

  1. „Populismus“ ist der Kern jeder repräsentativen Demokratie. Nur weil die einen etwas mehr poltern und die anderen mehr auf Staatsmann machen, ist das nicht mehr oder weniger populistisch. Es geht darum, gewählt zu werden. Guckt euch die Wahlwerbespots von Clinton an und sagt mir, die seien nicht populistisch.
  2. Man wird niemanden davon überzeugen einen Repräsentanten zu wählen, wenn man ihm komplizierte Dinge kompliziert erklärt. Das liegt in der Natur der Repräsentation. Wenn ich mich auf den Deal einlasse, dass mich jemand vertritt dann ist ja wohl das Mindeste, was ich davon erwarten kann, mich nicht mit lästigen Details beschäftigen zu müssen. Populismus ist schlicht und einfach die Jobdescription.
  3. Wenn man an den sogenannten Rechtspopulisten vor allem ihren Populismus kritisiert und nicht ihr rechts sein, dann bedeutet das nichts anderes, als dass man das rechts sein nicht sooo schlimm findet und nebenbei macht man noch deutlich, dass man sich für was besseres hält und im Gegensatz zu anderen die ach so komplexen Zusammenhänge versteht. Schöne Gelegenheit zur Distinktion.
  4. Das Problem am Linkspopulismus ist nicht der Populismus, sondern dass er halt meistens gar nicht so links ist. Z.B. gehört es zum Linkssein dazu, Repräsentation kritisch zu sehen (taktisch kann man das trotzdem auch mal machen, das ist nicht der Punkt). Wenn Linke ein Problem mit Linkspopulismus haben, dann haben sie also meistens ein Problem mit Repräsentation. Aber das liegt eben in der Natur der Sache. Man kann sich nicht auf dieses Spiel einlassen und dann meinen man müsste den Leuten nur alles lang und breit erklären, dann würden sie es schon einsehen. Das will natürlich niemand hören, weil es Teil des Deals ist, das nicht hören zu müssen.
  5. Wenn man Populismus kritisiert, dann versteckt man die eigentlich zu kritisierenden Dinge: Rassismus, Sexismus, Autoritarismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie usw. usf. und natürlich auch den Kapitalismus.
  6. Einher mit einer Kritik am Populismus geht oft eine Kritik an dessen meist polternden Stil. Als sei ein stilvoller Sexismus und Rassismus irgendwie besser als einer ohne Stil. Viele Nazis hatten sehr viel Stil und haben trotzdem Massenmord begangen. Schon damals war die Hauptkritik der bürgerlichen Opposition übrigens tatsächlich oft eine stilistische.
  7. Die Kritik des Populismus ist eine Distinktionsveranstaltung des Bürgertums, dass sein Monopol auf Repräsentation gefährdet sieht und genau das macht den Reiz für viele Menschen aus.
  8. Faschismus ist immer ein Bündnis von Mob und Elite. Dieses Bündnis ist als Möglichkeit immer eingeschrieben in die repräsentative Demokratie. Das ist die Gefahr und nicht Fragen des Stils oder wie simpel oder kompliziert Erklärungen sind. Oder wie freundlich oder unfreundlich man bei Facebook miteinander umgeht.
  9. Ein Bündnis von Mob und Elite schmiedet man nicht ohne Poltern, das stimmt. Endlich redet mal jemand wie wir! Das ist sehr reizvoll für jemanden, der schon kulturell durch seinen Habitus von allem Einfluss auf seine Lebensumstände abgeschnitten ist. Und ja in diesem „redet jemand wie wir“ steckt halt meistens ganz viel Sexismus, Rassismus und die ganze Scheiße drin. Das liegt aber nicht dran, dass die Arbeiterklasse/Unterschicht/der kleine Mann von der Straße/… rassistischer oder sexistischer wäre, es liegt dran, dass sie es nicht so gut verstecken können, weil das nicht Teil der Kultur ist.
  10. Poltert nicht weniger sondern mehr! Nur poltert gegen die Richtigen! Oder lasst das poltern, aber dann haltet euch aus dem Repräsentationsspiel ganz raus. Was natürlich immer eine Option ist. Mach ich ja auch so.

 

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s