Der erste Hauptsatz der Mediendynamik

Stefan Ripplinger schreibt im Jungle-World-Blog:

„Je schlechter politische Kunst ist, umso genauere Aussagen macht sie über den Zustand von Kultur, Künstler, Kritik.“

Da ist was dran. Ich glaube das liegt daran, dass hier eine Mediengrenze überschritten wird. Politik lässt sich ja durchaus auch als Medium interpretieren. Und da gilt – wie in allen Medien – der „erste Hauptsatz der Mediendynamik“:

Bei jeglichen Überschreitungen von Mediengrenzen ist es immer besser mit einer schlechten Vorlage anzufangen.

Wenn ich ein schlechtes Buch verfilme ist die Gefahr hinter ihm zurückzubleiben nicht sehr groß und man kann die Vorteile des eigentlichen Mediums viel besser zum Tragen bringen. Das ist der Grund weswegen es so wenige Gute Filme von guten Büchern gibt (ganz zu schweigen vom umgekehrten Fall). Andere Beispiele: Es gibts fast keine guten Computerspieladaptionen von guten Büchern oder Filmen. Wer mal Fantasy-Rollenspiele gespielt hat (also die echten, nicht am Computer) wird den Effekt kennen: Die größte Schundliteratur kann zu einem packenden Abend werden aber die wenigen guten Fantasybücher sind fast nicht umzusetzen.

Nun ist heute das Überschreiten von Mediengrenzen ja ökonomische Pflicht. Das könnte mich jetzt zu kulturpessimistischen Tiraden verleiten, statt dessen verweise ich darauf, dass jedes Gesetz eine Ausnahme kennt und das man sich diese zum Vorbild nehmen soll. Das könnte z.B. Douglas Adams und seine vielfältigen Adaptionen von „Per Anhalter durch die Galaxis“ als Hörspiel, Computerspiel, Buch, Fernsehserie sein. Da haben sich die Medien gegenseitig befruchtet, so dass man heute garnicht mehr wirklich feststellen kann, was eigentlich das „Original“ ist.

Nein, den Film hab ich nicht gesehen.

Bildlizenz: CC-BY-NC, Quelle

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Der heilige Berg

Mein dreijähriger Sohn sagte heute morgen zu Frauke: „Du bist ein heiliger Berg“. Ok, sie war wenig geschmeichelt. Ich war dann auch schnell ein „heiliger Berg“ und er fing an auf uns im Bett rumzuklettern. Wir waren etwas verwirrt, woher er diese Idee vom heiligen Berg hatte. Frauke verdächtigte sofort World of Warcraft, aber da gibt es meines Wissens nach keinen heiligen Berg. An die Sittenwächter: Nein, mein Dreijähriger spielt nicht WoW, er guckt nur manchmal zu, wenn ich rumfliege.

Als wir ihn gefragt haben, wo er das her hatte, brachte er irgendwann ein Buch an. Erstaunlicherweise eines, das zwar bei ihm im Zimmer steht, dass wir ihm aber noch nie vorgelesen haben. Ist ja auch kein Bilderbuch und nicht wirklich altersgemäß. Auf dem Cover war auch kein Berg zu erkennen oder so. Trotzdem war es ein Volltreffer.


Wissenswertes über Unwissen

Kürzlich las ich zwei Bücher, die ich euch ans Herzen legen möchte. Beide sind zwar komplett anders aber kreisen eigentlich um das selbe Thema: Nicht-Wissen. Beide sind eher populärwissenschaftlich, das eine dabei mehr geisteswissenschaftlich, das andere mehr naturwissenschaftlich. Beide haben eine amüsante Schreibweise gemein und sind auch sehr unterhaltsam und trotzdem ziemlich tiefschürfend auf ihre Weise.

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ von Pierre Bayard ist ein Buch, dass nicht nur eine Handlungsanweisung für Prüflinge geisteswissenschaftlicher Fächer gibt, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern vor allem die wichtige Erkenntnis vermittelt: Nicht-Lesen ist eine mindestens so wichtige Kulturtechnik wie Lesen. Oder noch prägnanter: Wissen entsteht aus Nicht-Wissen! Manche Leser-Rezension bei Amazon zeigt auch sehr schön wie sehr doch mancher auf seinem schwer erarbeiteten kulturellen Kapital beharrt. Mein Gott, der meint das ja Ernst! Frechheit!

Das Buch „Lexikon des Unwissens“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz widerum geht den umgekehrten Weg: Es zeigt wie aus Wissen Unwissen wird. Anhand von ca. 40 Beispielen werden Wissenslücken der modernen Wissenschaft gezeigt mit einem Schwerpunkt auf Naturwissenschaft. Das reicht von so grundlegenden Fragen wie der nach den Elementarteilchen bis hin zu lustigem Unwissen a la „Wie schnurren Katzen?“ (He, mein erster Katzencontent!). Der Schwerpunkt liegt auf der Naturwissenschaft aber es kommen auch Fragen wie „Geld? Was ist das eigentlich genau?“ vor. Dabei werden alle Fragen immer Wissenschaftshistorisch erklärt. Was dachte man früher darüber? Oft sind ein für alle mal geklärte Fragen dann plötzlich doch wieder völlig offen an Hand neuer Erkenntnisse. Das hat dann durchaus wissenschaftskritische Einsprengsel ohne deswegen ein wissenschaftliches Weltbild ganz über Bord zu werfen. So heisst es denn auch am Schluß im letzten Artikel zu „Wasser“: „Aufgeben jedenfalls kommt nicht in Frage.“, was man durchaus als Motto verstehen könnte.


Volker Strübing erfindet „Das Paradies am Rande der Stadt“

Cover von “Das Paradies am Rande der Stadt”Das Multi-Media-Genie Volker Strübing hat mich ja schon vor Wochen zum sabbernden, glücklich grinsenden Fan degradiert. Nachdem ich alle Videos gesehen hatte und mich auch seine regelmässigen Blogbeiträge nicht mehr befriedigt haben, konnte ich nicht anders und musste auch seinen ersten Roman bestellen. Ich hab nur ein paar Stunden gebraucht um dieses postmoderne Meisterwerk wegzuzutzeln, denn „Das Paradies am Rande der Stadt“ ist eine extrem gelungene Mischung aus „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Matrix“, „Neuromancer“ und natürlich auch einer guten Portion „Kloß & Spinne“, womit das Urteil eigentlich schon gesprochen ist: Lesebefehl!

Zur Einstimmung hier schon mal die Hymne der „Kirche Des Wahren Namen Gottes“.

Nur eine Frage bleibt offen: Was ist eigentlich mit Norbert passiert?


Das Ferkelbuch: Ein wirres Spiel um Antisemitismus und Anti-Atheismus

Aus dem Hause unserer ach so liberalen Familienministerin kommt ein bizarrer Indizierungsversuch für ein religionskritisches Kinderbuch. Besonders bizarr: „Wo bitte gehts zu Gott fragte das kleine Ferkel“ wird u.a. vorgeworfen es sei antisemitisch. Auf der Seite zum Buch nimmt einer der Autoren folgendermassen Stellung:

Autor Schmidt-Salomon, der aufgrund seines jüdisch klingenden Namens selbst seit Jahren Zielscheibe antisemitischer Propaganda ist, findet diese Behauptung „ungeheuerlich“: „Dieser Antisemitismusvorwurf ist nichts weiter als ein fadenscheiniger Vorwand, um Religionskritik aus den Kinderstuben zu verbannen! Offensichtlich hat es einige Leute irritiert, dass sich das Ferkelbuch in der Weihnachtszeit besser verkaufte als die traditionelle, apologetisch-religiöse Kinderliteratur. Also hat man nach einer Möglichkeit gesucht, um dem einen Riegel vorzuschieben. Doch mit dem Antisemitismusvorwurf spaßt man nicht! Und bei mir, der ich als humanistischer Philosoph ganz wesentlich durch säkulare Juden wie Freud, Einstein, Marx oder Erich Fromm geprägt bin, sind die Damen und Herren des Ministeriums nun wirklich an der falschen Adresse gelandet!“
Schmidt-Salomon, dessen „Manifest des evolutionären Humanismus“ zu den meistverkauften dezidiert humanistischen Büchern der letzten Jahre zählt, war noch vor wenigen Monaten in iranischen Medien als „zionistischer Agent Israels“ bezeichnet worden, da er als Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung die PR-Kampagne „Wir haben abgeschworen!“ des „Zentralrats der Ex-Muslime“ geleitet hatte. „Insofern bedeutet der Antisemitismusvorwurf eine interessante Erweiterung meines Portfolios!“, scherzt der Philosoph bitter. „So viele antisemitische jüdische Agenten dürfte es ja nicht geben…“

Ich kenne das Buch nicht, aber der Verdacht, dass da eher die eigenen antisemtischen Vorurteile bei den Zensoren eine Rolle spielen als wirklicher Antisemitismus liegt doch nahe. So heisst es dort auch weiter über den Zeichner:

Fassungslos habe er zur Kenntnis genommen, sagt Nyncke, dass die Antragsteller in dem Handgemenge zwischen den streitenden Gottesdienern ausgerechnet dem Rabbi Mordabsichten unterstellten, diese aber weder beim Bischof noch beim Mufti zu entdecken glaubten. Eine so offensichtliche Projektion der eigenen vorurteilsgeprägten Sichtweise auf eine ganz anders gemeinte bildliche Darstellung sei „an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten“.

Das gute daran: Eine bessere Werbung gibts wohl nicht. [via]