Offener Brief an alle Bundestagsabgeordneten

Gerade habe ich folgende e-mail an alle Bundestagsabgeordneten verschickt. Keine Ahnung ob die das lesen. Ist mehr eine Verzweiflungsaktion. Vielleicht bringt es ja den einen oder die andere zum Nachdenken. Hier der Wortlaut:

Keinen Wahlkampf auf dem Rücken missbrauchter Kinder führen: Internetsperren sind nicht bloß unnütz, sondern schädlich.


Sehr geehrte Damen und Herren,

zur Zeit berät der Bundestag über ein Gesetz zur Einführung von Internetsperren um Kinderpornographie zu bekämpfen. Ich, als Vater und Informatiker bin sehr besorgt über die Art wie diese Debatte geführt wird. Da ich mich als doppelten Experten in dieser Frage verstehe möchte ich sie bitten – neben all den breit geführten öffentlichen Diskussionen – einige Details zur Kenntnis zu nehmen, die bisher in der Debatte meiner Meinung nach zu kurz kommen. Bisher wird in der Öffentlichkeit vor allem so geredet als gäbe es ein Gegeneinander von Interessen eines freien Internets und den Interessen von missbrauchten Kindern. Als ginge es darum abzuwägen, was wichtiger ist. Ich möchte dagegen darauf aufmerksam machen, dass das geplante Gesetz nicht nur nutzlos ist, wie völlig richtig oft von dessen Gegnern behauptet, sondern sogar schädlich im Kampf gegen Kinderpornographie. Und zwar aus drei Gründen:

  1. Missbrauchsopfer werden doppelt missbraucht. Zunächst durch den eigentlichen Missbrauch, dann aber auch durch ein Klima des Schweigens in ihrem Umfeld. Niemand glaubt ihnen so recht, auch oft aus Unsicherheit wie man denn damit umzugehen hätte. Die geplanten Internetsperren funktionieren auf gesellschaftlicher Ebene ganz ähnlich wie diese Missbrauchsabwehr im Kleinen: Sie decken etwas zu, aber können nicht wirksam dagegen vorgehen und das aus einer ganz ähnlichen Unsicherheit heraus – auch wenn diese aktivistisch wirken mag.
  2. Die Täter werden gewarnt. Wenn eine Seite gesperrt wird, werden es die Betreiber der Seite sehr schnell erfahren. Sie haben dann alle Zeit der Welt auf einen anderen Server umzuziehen, Spuren zu verwischen, die Konsumenten zu warnen und andere Maßnahmen zu ergreifen, die eine Verfolgung vor Ort unmöglich machen und die nachhaltig dafür sorgen, dass das Material verfügbar bleibt.
  3. Die Sperrlisten weisen Konsumenten überhaupt erst den Weg. Wie ausgefeilt technische Sperrmaßnahmen auch immer sein mögen. Es gibt immer einen Weg sie zu umgehen. Dabei ist es nicht wichtig, wie technisch versiert die Konsumenten sind. Die Natur digitaler Kommunikation sorgt dafür, dass Material verfügbar bleibt, selbst wenn es nur einem Konsumenten gelingt die Sperren zu umgehen. So werden die Sperrlisten letzten Endes zur technischen Unterstützung für auf Kinderpornographie spezialisierte Suchprogramme. Da wird also kein Markt ausgetrocknet sondern erst einer geschaffen. Zusätzlich gibt es immer die Gefahr, dass die Sperrlisten selbst bekannt werden. In vielen Ländern, die schon Sperrlisten einsetzen, sind diese von Unbekannten veröffentlicht worden (und dabei wurde auch sichtbar, dass da meist nur zu einem Teil Kinderpornographie gelistet war).

Ich bitte Sie diese Punkte zu bedenken, wenn sie im Bundestag das Gesetz beschließen sollen. Unabhängig davon ob Ich Sie überzeugen konnte, dass die Sperren schädlich sind, ist eine breite Diskussion um diese Frage notwendig. Die missbrauchten Kinder haben mehr verdient als kurzfristigen Aktionismus, der am Ende droht nach hinten zu los zu gehen. Deswegen: Halten sie das Thema aus dem Wahlkampf heraus. Sorgen sie dafür, dass Zeit bleibt für eine breite gesellschaftliche Diskussion wie wir mit dem Thema umgehen wollen. Sorgen sie dafür, dass das Thema nicht zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Benjamin Bärmann, Frankfurt am Main (Informatiker und Vater)

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Der Kinderschutzbund erweist den Kindern einen Bärendienst

Der Deutsche Kinderschutzbund unterstützt die Internetsperren. Damit wenden sie sich nicht nur gegen das Internet – was man ihnen nicht verübeln könnte, schließlich heißen sie nicht Internetschutzbund. Schwerer wiegt, dass sie sich damit auch gegen die Kinder wenden. „Warum dass?“ Fragt der unbedarfte Beobachter. Ganz einfach: Diese Sperren sind nichts anderes als eine Hinweisliste für Freunde der Kinderpornographie. Früher oder später werden die Sperrlisten an die Öffentlichkeit kommen (und im Falle eines „unabhängigen“ Gremiums, dass sich die vermeintlichen Kinderschützer wünschen eher früher als später). Das Beispiel aus anderen Ländern hat das gezeigt. Und selbst wenn das nicht passieren sollte, kann man Suchmaschinen bauen, die nach den BKA-Stoppseiten Ausschau halten, diese dann umgehen und dem Klientel zur Verfügung stellen. Und dieses Verfahren funktioniert völlig unabhängig von der eingesetzten Sperrtechnik (Auch hier nützt eine schärfere Technik, wie sie sich der Kinderschutzbund wünscht nicht, schadet aber umso mehr dem freien Netz).

Angesichts dieses Zusammenhangs ist „unsere“ Kommunikation noch viel zu defensiv: Die Sperren nützen nicht nur nix, sie schaden nicht nur dem freien Internet, sondern auch den Kindern und nützen den Konsumenten von Kinderpornographie!


Ferkelbuch again

Ich schrieb ja vor einiger Zeit hier über den Indizierungsfall mit dem Ferkelbuch. Jetzt – wo das ja schon lange niemanden mehr interessiert – ist in der Jungle World ein interessantes Dossier (erst morgen online) zum Thema erschienen. Dort wird zum einen ausführlich argumentiert, warum das Buch eben doch antisemitische Elemente enthält und zum anderen wird generell diese Strömung der Religionskritik und ihre Verbindungen zu Euthanisiebefürwortern, Esoterikern und Tierrechtlern auseinandergenommen. Das ist in weiten Teilen interessant, wenn auch sicher das eine oder andere mal etwas pauschalisierend.
Hauptziel all dieser Attacken ist der Autor Schmidt-Salomon. Leider regt sich niemand über den furchtbaren Zeichenstil auf. Ich bin ja geschädigt von diesen quietschebunten Kinderbüchern. Form und Inhalt finden da ja so garnicht zusammen.

… ein Argument für eine Indizierung entnehme ich dem allen jedoch immer noch nicht. Wenn diese Maßstäbe für eine Indizierung ausreichen würden, dann müsste man wohl die Hälfte aller Druckerzeugnisse indizieren. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Das spricht nicht für das Ferkelbuch sondern gegen die Druckerzeugnisse. Trotzdem ist Indizierung einfach überzogen.

Fazit für mich aus der ganzen Affaire: Es wäre Zeit für ein religionskritisches Kinderbuch. Das Ferkelbuch ist an dieser Aufgabe gescheitert – inhaltlich und formal. Indizieren muß man es deswegen aber sicher nicht, im Gegenteil hat die Beantragung der Indizierung dem Buch eine unverdiente Aufmerksamkeit gebracht (Ja, da bin ich auch nicht unschuldig dran).


Das Ferkelbuch: Ein wirres Spiel um Antisemitismus und Anti-Atheismus

Aus dem Hause unserer ach so liberalen Familienministerin kommt ein bizarrer Indizierungsversuch für ein religionskritisches Kinderbuch. Besonders bizarr: „Wo bitte gehts zu Gott fragte das kleine Ferkel“ wird u.a. vorgeworfen es sei antisemitisch. Auf der Seite zum Buch nimmt einer der Autoren folgendermassen Stellung:

Autor Schmidt-Salomon, der aufgrund seines jüdisch klingenden Namens selbst seit Jahren Zielscheibe antisemitischer Propaganda ist, findet diese Behauptung „ungeheuerlich“: „Dieser Antisemitismusvorwurf ist nichts weiter als ein fadenscheiniger Vorwand, um Religionskritik aus den Kinderstuben zu verbannen! Offensichtlich hat es einige Leute irritiert, dass sich das Ferkelbuch in der Weihnachtszeit besser verkaufte als die traditionelle, apologetisch-religiöse Kinderliteratur. Also hat man nach einer Möglichkeit gesucht, um dem einen Riegel vorzuschieben. Doch mit dem Antisemitismusvorwurf spaßt man nicht! Und bei mir, der ich als humanistischer Philosoph ganz wesentlich durch säkulare Juden wie Freud, Einstein, Marx oder Erich Fromm geprägt bin, sind die Damen und Herren des Ministeriums nun wirklich an der falschen Adresse gelandet!“
Schmidt-Salomon, dessen „Manifest des evolutionären Humanismus“ zu den meistverkauften dezidiert humanistischen Büchern der letzten Jahre zählt, war noch vor wenigen Monaten in iranischen Medien als „zionistischer Agent Israels“ bezeichnet worden, da er als Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung die PR-Kampagne „Wir haben abgeschworen!“ des „Zentralrats der Ex-Muslime“ geleitet hatte. „Insofern bedeutet der Antisemitismusvorwurf eine interessante Erweiterung meines Portfolios!“, scherzt der Philosoph bitter. „So viele antisemitische jüdische Agenten dürfte es ja nicht geben…“

Ich kenne das Buch nicht, aber der Verdacht, dass da eher die eigenen antisemtischen Vorurteile bei den Zensoren eine Rolle spielen als wirklicher Antisemitismus liegt doch nahe. So heisst es dort auch weiter über den Zeichner:

Fassungslos habe er zur Kenntnis genommen, sagt Nyncke, dass die Antragsteller in dem Handgemenge zwischen den streitenden Gottesdienern ausgerechnet dem Rabbi Mordabsichten unterstellten, diese aber weder beim Bischof noch beim Mufti zu entdecken glaubten. Eine so offensichtliche Projektion der eigenen vorurteilsgeprägten Sichtweise auf eine ganz anders gemeinte bildliche Darstellung sei „an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten“.

Das gute daran: Eine bessere Werbung gibts wohl nicht. [via]